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Die Geschichte des BH's

Die Geschichte der Dessous

Sieht man ab vom Feigenblatt des Paradieses und dem »Strophium«, dem Brustband der Griechinnen, betrachtet man die unterschiedlichen Versuche, den Körper zu modellieren, als oft qualvolle Mode nicht nur höfischen Lebens, so könnte man mit der Geschichte der Unterwäsche, wie wir sie kennen, in der Mitte des 18. Jahrhunderts beginnen. Zwar liegen die Ursprünge des Hemdes noch weiter zurück – was uns aber hier beschäftigen soll, ist die Entstehung der Damen-Dessous heutigen Typs.
Korsett, Krinoline und Tornüre sind Begriffe, mit welchen eine Frau zwischen 1810 und 1870 umzugehen hatte. Zahlreiche Schriften aus den ersten Jahrzehnten des Jahrhunderts dokumentieren eine Diskussion, in der Mediziner die »Wespentaille« ablehnten, modebewusste Zeitgenossen in ihr jedoch hohen ästhetischen Wert sahen. Der Körper der Biedermeierfrau – und übrigens auch des Mannes – hatte zierlich und zerbrechlich auszusehen. Aus den Schnürmiedern wurden schon 1828 sogenannte »mechanische« Korsetts, die mit eingeschlagenen Metallösen gefertigt wurden.

Die Krinoline – von französisch: crin = Rosshaar – wurde unter der Oberbekleidung getragen und stützte, ergänzt durch Fischbein oder gar Stahlstangen, die bodenlangen, bis zu sechs Meter breiten Kleider der Damen. Gegen 1870 »verrutschte« diese aufgebauschte Silhouette nach hinten, die korbartige »Turnüre« bildete den als besonders erotisch empfundenen »falschen Steiß«.

Weißnäherin als Beruf
Bei all dem blieb, nahezu bis zur Jahrhundertwende, das althergebrachte Hemd ein Stiefkind der Damenwäsche. Die ersten modischen Verwandlungen, das Verzieren mit Stickereien, wurden gar nicht selten in der Öffentlichkeit als Exzesse kommentiert. Das letzte Drittel des vergangenen Jahrhunderts brachte neben pompöser Tageskleidung auch einen immer größeren Luxus bei der Wäsche. »Feines holländisches Linnen« oder Batist, Stickereien und Spitzen, herzförmige Ausschnitte oder Häkelarbeiten, Fältelungen oder farbige Bänder – der Phantasie und der Kunstfertigkeit waren keine Grenzen gesetzt. Die Kunst der »Weißnäherei« begann, respektable Beschäftigung für die Damenwelt zu werden. Die hohe Schule dieser Profession schließlich war die Weißstickerei.


Geschmückt, geschnürt erreichen wir die Jahrhundertwende. Nicht nur die Damen: Auch bei den Herren galt die straffe Haltung, die sich oft auf Fischbein stützte, als Geheimnis des Erfolges. Bei den Damen diente das Korsett bis dato ausschließlich zur Formung der Figur: bis die ersten Gummistrumpfbänder entstanden. Diese wurden zunächst vorne am Korsett befestigt – später kamen die Strapse, wie wir sie noch heute kennen. Die elegante Frau trug circa fünf Pfund Unterwäsche: Hose, Hemd, »Anstandsrock«, Korsett, Halbunterrock, Untertaille... – im Winter kam wärmende Wäsche hinzu.

Zwangsläufig führte auch dies in die »Kleiderreformbewegung«. 1896 wurde der »Allgemeine Verein für die Vereinfachung der Frauenkleidung« gegründet. Er hatte sich neben anderem die »Befreiung von jeglichem Druck und Einengung« vorgenommen. Aber bezüglich der Unterwäsche erreichte diese Reformbewegung zunächst wenig.
Die typische Silhouette des Jahres 1900 ist eine Neuheit: Die Frau ganz ohne Bauch – besser noch mit einem »nach innen gewölbten« Bauch und dafür einem betonten, herausgedrückten Po. Betont wurde auch der Busen, oft mit einer Busenattrappe oder zumindest mit Seidenkissen verstärkt. Ab 1910 jedoch wurde der Unterkörper in eine gerade Linie gedrängt. Wäschewerbung aus jener Zeit zeigen Damen mit überlangem Körper – ohne Taille, Hüfte oder Po. Das Geheimnis kam wieder aus der Wäsche: Ein Korsett, dessen Fischbeinstäbe Überlänge hatten.

Reformleibchen
Dennoch mehrten sich Forderungen, Frauenkleidung den »Gesetzen der Gesundheit« anzupassen. Die Abschaffung des Korsetts wurde verlangt – beileibe jedoch nicht ersatzlos. Eine Vielzahl von Leibchen und Brusthaltern erreichte den Markt. Diese »Reformleibchen« jedoch blieben in der Tradition verhaftet: Viele hatten Fischbeinstäbchen, Spiralfedern oder Schnureinlagen. Und zudem glaubten nur extrem emanzipierte Frauen, ganz ohne künstliche Stützung von Rückenmuskulatur und Brüsten auszukommen zu können.


Ein Ausflug in die Geschichte der Industrialisierung zeigt, dass bis in die 40er Jahre des 19. Jahrhunderts Korsetts aus zugeschnittenen Stoffteilen von der Hand des Korsettschneiders genäht wurden. Danach kam die serienmäßige Herstellung auf, die gekoppelt war an das Weben des Korsetts mit einem Handwebstuhl. Ab 1850 wurde in Deutschland die Nähmaschine bekannt.

Es waren die Franzosen, die mit der fabrikmäßigen Herstellung von Korsetts begannen. Wenig später, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, wurden die ersten deutschen Korsettwebereien gegründet. Sie entstanden zumeist in Baden-Württemberg, wo sich die Baumwollweberei in schwerer Krise befand, durch staatliche Subventionierung. Auch Felina ist eine süddeutsche Gründung: Das Unternehmen wurde 1885 in Bad Rappenau als Korsetten-Näherei gegründet.

Auch als die Vorläufer der ersten Büstenhalter auftauchten – das französische Modell »Callimaste« war aus dehnbaren Bändern geformt – hatten die Korsetts mitnichten ausgedient: Callimaste war unter dem Korsett zu tragen.

Nach dem Krieg ein neues Frauenbild
Was der Reformbewegung nur unzureichend gelang, wurde vom Ersten Weltkrieg erzwungen. Ein neues Bild der Frau, bedingt durch die notwendige Selbstständigkeit, entstand. Die Kleinfamilie, die Berufstätigkeit der Frau – all dies trug zu einer Gleichstellung mit dem Mann bei, die sich auch in der knabenhaften Linie deutlich machte, einer Linie, die Brust und Hüfte möglichst flach und unauffällig gestaltete. Kürzere Röcke, Stoffe, die sich bügeln ließen, Jugend-, Turn- und Wanderbewegung förderten das Bedürfnis nach leichten, luftigen Stoffen. Die Hemdhose, Leibchen und Beinkleid zugleich, entstand als typisches weibliches Wäschestück der 20er Jahre, Pastelltöne für Wäsche tauchten erstmals auf. Der Busen verschwand unter den ersten Büstenhaltern – die ihn nicht formten, sondernd flachdrückten: Knabenhaftes war gefragt. Das Korsett wurde schon damals teilweise ersetzt durch »Hüftenhalter«.


Die 20er Jahre importierten zunächst aus Amerika den Vamp, das kommende Jahrzehnt betonte die Weiblichkeit, nicht ohne die sattsam bekannte Förderung des Bildes der »Gebärenden, Häuslichen, Mütterlichen«. Nun wieder war die ideale Figur der Frau wohlproportioniert, aber schlank um die Hüften. Basis einer Wäscheausstattung waren der neue, rundgeformte und betonende Büstenhalter, der elastische Hüftgürtel und das figurunterstützende Korsett. Die Mode – figurbetonte, wadenlange Kleider – zwang darüber hinaus dazu, Wäsche nicht auftragend, sondern wie eine »zweite Haut« wirken zu lassen. Seit es in den 30er Jahren möglich geworden war, Gummi langfädig herzustellen, erlebte das Korsett eine Renaissance: Es schnürte nicht ein, war aber immerhin hauteng. Und: Unerlässlich war der Hüfthalter, der bis zur Erfindung der Strumpfhose gleichzeitig als Strumpfhalter fungierte.

Der Zweite Weltkrieg brachte Mangel und Erfindungsgeist. Alles wurde irgendwie beschafft oder hergestellt. Die selbstgestrickte Leibwäsche behob den Mangel und wärmte. Genäht wurde aus allem, zum Beispiel Fallschirmseide. Und: Unterwäsche gab es nur und wenig auf Bezugsschein: Den deutschen Mieder- und Wäschefabrikanten war es unmöglich, die neuen ausländischen Fasern wie Nylon oder Perlon zu beschaffen.

Und danach kamen die Amerikaner und die Nylons und die ersten Boxer-Shorts und T-Shirts. Es kam der sehnsüchtige Wunsch nach dem lang entbehrten Luxus und mit ihm die weiten Röcke des New Look. Da war sie wieder – die Wespentaille.

Und dennoch war die deutsche Frau zunächst brav. Hüfthalter und BH gehörten zu ihrer Ausstattung – und die »Backfische« wurden von der Industrie erstmals als Zielgruppe erkannt: Kollektionen eigens für junge Mädchen kamen auf den Markt.

Die westdeutsche Dessous-Industrie erlebte Anfang der 60er Jahre einen enormen Aufschwung. Sie beschäftigte 25.000 Menschen. 1963 begannen ernste Schwierigkeiten, die auf den damals herrschenden Arbeitskräftemangel zurückzuführen waren. Es war die deutsche Miederindustrie, die damals als erster Wirtschaftszweig Produktionen ins Ausland verlegte.

BH-Verbrennungen
Die 60er Jahre brachten auch die Wunderfaser Lycra, die ersten Strumpfhosen und den Minirock. Und sie brachten die Studentenrevolte, zu der auch öffentliche BH-Verbrennungen gehörten. Weltweit ging der Umsatz im Bereich der Büstenhalter als einem scheinbaren Symbol weiblicher Einengung zurück. Zwar zeigten sich die Hersteller erfindungsreich und produzierten immer leichtere Büstenhalter – aber eine durchgreifende Verhaltensänderung der Verbraucherin war nicht mehr aufzuhalten: Junge Frauen trugen keine Hemden mehr – und auch die Unterröcke wurden überflüssig, seit es immer mehr gefütterte Röcke gab. Die Höschen wurden immer kleiner und nahmen die Form der Bikinihöschen an.


Ja, und dann kamen die 70er und alles fing wieder von vorne an: Mit Twiggy… siehe Deutschland in den 20ern. Ein Jahrzehnt später, wir erinnern uns, hatten wir scheinbar alles erreicht und der Luxus erfasste natürlich auch das Unsichtbare.

Und wieder wendet sich der Zeitgeist – diesmal muss er sparen. Experten halten eine Orientierung an Klassisch-Bewährtem für wahrscheinlich. Zu den Besonderheiten der jetzigen Wäschewelt gehören die »Push-ups«, BHs, die die Büste betonen und nach oben schieben. Ob aber in der Rückschau auf diese letzte Dekade unseres Jahrtausends Frau mehr oder weniger Frau sein wollte, das werden Zeitgeschichtler späterer Generationen eindeutiger beurteilen können: Modeexperten sehen zur Zeit zwei Tendenzen: Elegant und sexy einerseits und klarlinig, sportlich bis maskulin anderseits. Es scheint, als spiele Wäsche und Mieder nicht mehr so sehr eine tragende, denn eine große Rolle.



Quellen:
»Zur Geschichte der Unterwäsche 1700-1960«, Almut Junker, Eva Stille, Historisches Museum Frankfurt am Main
»Wäsche, Mode Markt und Marketing«, Felicitas Bachmann, Christa Madeyka, Mechthild Meyer-Schneidewind, Deutscher Fachverlag


 

 

 

 

 

 
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